Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne oder Die Ausbildung zum Tourenguide

Wir bogen in Erkner vom Berliner Ring ab und fuhren weiter gen Osten, Richtung Kagel. Erinnerungen wurden wach. Unser letzte Besuch hier war bereits über drei Jahre her, trotzdem waren uns einige Landmarken im Gedächtnis geblieben. Wir passierten die Seen, auf denen wir damals eine Kajaktour gemacht hatten, schlängelten uns durch Ortschaften, die uns entfernt bekannt vorkamen.

Die Gedanken gingen zurück in die Vergangenheit, an den ersten Besuch hier. 2013 hatten wir hier bei Frank Moerke einen Kurs im Tandem-Canadier absolviert. Für mich war dieser Kurs ein Wendepunkt in meinem Leben. Vorher wollte ich Kajak fahren, fand Canadier plump und langweilig, fuhr vor allem Tine zu liebe mit. Zu dieser Zeit stand bei mir der Canadier in permanenter Konkurrenz zum Kajak. Und dann trafen wir auf Frank, der uns mit viel Energie, mit viel positiver Verstärkung und mit trockenem Humor die höheren Weihen des Canadierpaddelns vermittelte. Am Ende dieses Wochenende hatte ich verstanden, welches technische Potential in diesen Booten lag. Was mir damals nicht klar war, war die Tatsache, dass damit eine lange Reise begann, deren Ende noch nicht absehbar ist.

Der erste Kurs auf stehendem Gewässer war der Startpunkt. Ende April 2014 absolvierten wir auf der Drawa in Polen den aufbauenden Fließgewässerkurs, ebenfalls wieder bei Frank und seinem Partner Torsten. Mit sehr viel Respekt vor der bevorstehenden Herausforderung waren wir damals nach Polen gefahren und hatten dort ein technisch bereicherndes und unheimlich motivierendes Wochenende verlebt.

Wie sollte es weiter gehen? Wir denken seit dem über ein Wildwasserkurs nach, der bisher aus terminlichen Gründen für uns nicht möglich war. Im Herbst 2013 besuchten wir erstmalig das Canadiertreffen von Frank Moerke am Dranser See. Und dort hatten wir viel Neues gesehen, nette Paddler kennen gelernt und wunderschöne Boote und Paddel bewundert und ausprobiert. Was uns aber am meisten und nachhaltig beeindruckt hatte, war Rieke, die eines Tages in der kleinen Bucht vor dem verschilften Ufer in ihrem Canadier Kreise zog, die uns mit offenen Mündern zuschauen ließen. Das war also Freestyle! War das Hexenwerk? Ein geheimer Zauber, ein übersinnliches Ritual?

Die Antwort auf diese Fragen kann man auf beste Weise am Edersee erhalten. Dort findet seit 11 Jahren alljährlich das Kringelfieber, das europäische Treffen der American Freestyle- und Canadian Style-Paddler statt. Im Mai 2015 sind wir zum ersten Mal dorthin gefahren. Uns war im Vorfeld klar, dass dort die Crème de la Crème der europäischen Open Canoe-Paddler erscheinen würde. Mehr als einmal hatten wir uns im Vorfeld gefragt, ob wir uns dort zeigen dürfen, ob die Gemeinschaft einen Platz für uns hätte oder ob wir uns dort vielleicht sogar blamieren würden. Hatten wir vor der Drawa Respekt, so hatten wir vor dem Kringelfieber Ehrfurcht!

Wir hatten in 2015 genauso wie dieses Jahr eine wunderschöne Zeit dort, wir wurden nahtlos in diese überschaubare Gruppe integriert und wir gönnten uns letzten Sommer einen grandiosen Wochenendkurs im Solocanadier-Freestyle bei André Linke. Letztes Jahr genauso wie dieses Jahr besuchten wir einige Paddelworkshops bei verschiedenen Ausbildern, die sicherlich zu den besten in Europa gehören. Kurz: Es war unheimlich beeindruckend und bereichernd. Wir haben viel gelernt und eine neue Dimension des Canadierpaddelns für uns entdeckt. Seit dem paddeln wir mehr mit der Seele als mit dem Körper, auch wenn es noch nicht ganz ohne geht. Für Außenstehende sichtbar ist dies durch die vielen Kreise, die wir vorm Bootshaus drehen.

Alle Kurse, die wir bisher besucht haben, wurden nach den Regeln der American Canoe Association (ACA) abgehalten. Die ACA hat ein sehr ausgefeiltes und differenziertes Curriculum für alle Arten des Paddelns, insbesondere die Didaktik und Methodik hat mich immer wieder in Staunen versetzt. Mit wachsenden Fähigkeiten und Fertigkeiten war bei mir der Wunsch entstanden, selber eine ACA-Instructorausbildung zu absolvieren. Nach Rücksprache mit den Instructortrainern wurde der Wunsch konkreter. Ende August diesen Jahres werde ich mit der Ausbildung zum ACA-Instructor Level 2 beginnen.

War dies bisher eine stetige und nachvollziehbare Entwicklung, so kam im Frühjahr noch ein Zufallselement dazu. Im Canadierforum wurde ein Tourenguide gesucht von einer Bootsvermietung in Hermannsburg an der Örtze. Ich bin bekennender Örtze-Fan, aber eigentlich nicht mit Langerweile gesegnet. Trotzdem fraß sich diese Suchanzeige in meine Gedanken und kurzerhand antwortete ich auf sie. Das eine ergab das andere und Anfang Juli führte ich als professioneller Tourenguide meine erste Paddlergruppe auf der Örtze.

Aber auch wenn ich mir einiges zutraue und bestimmt für diese Aufgabe gut gerüstet bin, so war doch der Wunsch schnell geboren, mich mit einer professionellen Ausbildung zum Tourenguide abzusichern. Auch diese wird durch Frank Moerke angeboten und so machten wir uns an einem Freitag spätnachmittags auf den Weg nach Kagel. Dort angekommen, wurden wir von Frank herzlich begrüßt. Wir bauten schnell unser Zelt in seinem Garten auf, um dann auf dem Steg am Barberower See den Abend und das Abendbrot bei Klönschnack zu genießen. Der Samstag brachte herrliches Wetter, die Temperaturen steuerten auf die 25 Grad zu, beste Bedingungen für einen Kurs, der doch einige Zeit auf und noch mehr im Wasser versprach.

Den Vormittag verbrachten wir mit Theorie wie z.B. Tourenplanung, Einweisung und Ausrüstung. Gegen Mittag gingen wir dann aufs Wasser, Frank wollte noch einen Blick auf unsere Paddeltechnik werfen. Es gab ein paar kleine Anmerkungen, aber dann strich Frank die Segel und hatte uns nichts mehr zum Thema Technik beizubringen.

Nach dem Essen wurde das Thema Bergen und Retten durchgesprochen. Zuerst in der Theorie an Land, anschließend gingen wir mit Solocanadiern aufs Wasser, um das besprochene auch anzuwenden.

Immer wieder kenterten wir, um uns anschließend gegenseitig zu retten. Alle Wiedereinstiegstechniken wurden durchexerziert und jeder von uns verbrachte reichlich Zeit im Wasser. Die Wiedereinstiege hinterließen bei uns viele blaue Flecken, die uns noch einige Tage begleiten sollten und uns an diesen intensiven und lehrreichen Tag erinnern sollten. Am Ende des Curriculums konstatierte Frank, dass er nun mit seinem Wissen am Ende sei, er hätte uns nun nichts mehr beizubringen. Auf eine gewisse Weise setzte er damit den Schlusspunkt einer über dreijährigen Reise und machte uns sehr stolz mit dieser Aussage. Gleichwohl war uns beiden sonnenklar, dass wir noch lange nicht diese beeindruckende Routine hatten, die uns Frank immer wieder bewiesen hatte. Andererseits eröffnete er uns damit auch einen neuen Horizont, einen neuen Anfang, der bei mir die ACA-Instruktorausbildung vorsah, während sich Tine auf die Ausbildung als SUP-Instruktor konzentrierte.

Und nach Hermann Hesse wohnt bekanntlich jedem Anfang ein Zauber inne, der uns beide schon wieder vollständig in seinen Bann geschlagen hat.

©Ralf Richter 2016

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