Begegnung mit einem alten Meister

Hoch oben in den Alpen steht meine Wiege. Gespeist werde ich von den Gletschern und Schneefeldern des Hochgebirges. Wie ein pubertierender Jugendlicher fräse ich mich, angereichert von diesen Wassermassen, durch das Gebirge.

Tiefe Täler und steile Wände habe ich in Jahrtausenden herausgearbeitet. Erst im Bodensee komme ich zur Ruhe und gönne mir eine schöpferische Pause. Doch diese währt nicht lange. Im Hochrhein fließe ich aus dem Bodensee hinaus und sammle frische Energie. Viele Stromschnelle lassen mich hier mit Wasser und Felsen spielen, seinen Höhepunkt hat das Ganze aber im Rheinfall in Schaffhausen. Hier kann ich zeigen, welche vernichtende Kraft in meinem Wasser steckt, kann so richtig Radau machen.

Im strömenden Regen waren wir beim Paddelclub Illingen eingetroffen. Der Platzwart hatte uns freundlich empfangen und uns in Gelände und Bootshaus eingewiesen. Danach hatten wir das Gelände für die nächste Woche praktisch für uns alleine.

Die wenigen Vereinsmitglieder, die wir antrafen, waren freundlich, aber darüber hinaus nicht sehr kontaktfreudig. Das sollte uns aber nicht weiter stören und so genossen wir die Zeit an einem abgelegenen und stillen Ort am Goldkanal, unweit des Illinger Altrheins.

Das Vereinsgelände lag mitten im Wald, grenzte an den Goldkanal und einen kleinen See, der kaum 100 m an Durchmesser hatte.

Dieser windstille See war umgeben von hohen Bäumen, das Wasser war maximal zwei Meter tief und klar, die Farbe war im strahlenden Sonnenlicht bernsteingrün.

Über eine sehr lange Zeit habe ich mir im Oberrhein ein Bett in die Felsen gegraben. Die Berge an meinen Ufern, Vogesen und Schwarzwald, sind stumme Zeugen meiner stetigen Arbeit. Erst nach dem Rheindurchbruch komme ich zur Ruhe und genieße mein Altenteil im Niederrhein.

Doch vor allem im Oberrhein konnte ich mich nach Belieben austoben. Mein Flussbett wanderte ständig hin und her. Inseln entstanden und Inseln verschwanden. Auf einer Seite fraß ich einen Uferabschnitt, um ihn an der nächsten Windung wieder auszuspucken. Es war eine helle Freude für mich, wie langer, ja fast endloser Spielplatz.

Eines Tages tauchten die ersten Menschen an meinen Gestaden auf. Erst waren es ein paar wenige, aber es wurden immer mehr. Es störte mich nicht, dass sie an meinen Ufern siedelten, dass sie Fische in meinem Wasser fingen. Es störte mich auch nicht, dass sie versuchten, mit Booten auf mir herum zu schippern. Ich genoss das Spiel mit diesen Nussschalen und ab und an ließ ich mal eines von diesen unbeholfenen Kähnen verschwinden, um den Menschen ihre Grenzen aufzuweisen.

Doch es kamen immer mehr und die Siedlungen wurden immer größer und sie rückten auch immer näher an meine Ufer heran. Mehr und mehr fühlte ich mich eingeengt und ich nutzte die Herbststürme und die Schneeschmelze, um sie in die Schranken zu weisen. Zeter und Mordio schrien sie nach so einer Flut und ich lachte mir heimlich ins Fäustchen. Aber es dauerte nicht lange und sie rückten mir wieder auf die Pelle. Ich betrachtete es dann irgendwann als ein Spiel, bei dem ich die Regeln schrieb. Manchmal ließ ich sie eine Weile in Ruhe, um dann um so heftiger zuzuschlagen.

Immer andere Dinge ließen sich diese Menschen einfallen. Sie trieben riesige Flöße den Strom hinab und zogen Kähne mit Eseln hinauf. Ich wunderte mich und ließ es geschehen. Ja, auch als sie anfingen, das Gold aus meinem Wasser heraus zu waschen, dachte ich mir nichts dabei. Das überzogene Interesse der Menschen an diesem Glitzermetall habe ich nie verstanden.

Immer dichter siedelten diese Menschen an meinen Ufern. Und ich sage euch, schmutzige sind sie, diese Menschen. Und wo kippen sie ihren Dreck hin? Natürlich in mein Wasser, denn das trägt den Schmutz ja schnell hinfort. Dass dieser dann zügig bei den nächsten Nachbarn landet, interessierte doch keinen mehr. Pfui Deubel, waren das primitive Anrainer!

Mehr und mehr sank meine Laune und mehr und mehr kämpfte ich an gegen diese Menschen. Im Winter ließ ich die Eisschollen zu Barrieren auftürmen und zerstörte Brücken und Uferbebauung. Am Magdalenentag zeigte ich den Menschen, wozu ich in der Lage bin, wenn man mich reizt. Jedes Hochwasser war ein Sieg auf Zeit und ich genoss ein paar weitere Jahre meine Freiheit, im Rheintal zu toben und zu spielen. Mir wurde klar, dass ich den Menschen regelmäßig ihre Grenzen aufzeigen müsse und beschloss, die restliche Zeit zu genießen.

Wir wollten die Altrheinarme erkunden, deswegen waren wir hierhergekommen. Der Paddelclub Illingen hatte bereits Berühmtheit erlangt, als er 2012 bei Wetten, dass…? eine tolle Kanuwette angeboten hatte. Doch das Wetter spielte nicht so richtig mit, war durchwachsen und immer wieder gingen Regenschauern nieder. Wir nutzten die Zeit, um die Gegend kennen zu lernen, machten Ausflüge nach Karlsruhe und Straßburg, wanderten durch die Rheinauen bis zum Rhein. Schöne Wetterabschnitte nutzten wir zum Kringeln auf dem kleinen See, der uns geradezu ideal zum Freestylen vorkam.

Auch Elmo, unser neuer Tandem, hatte hier seine Premiere. In aller Ruhe paddelten wir alle Manöver durch, um uns dann an die Extended-Manöver zu wagen. Immer weiter lehnte sich Tine aus dem Boot und immer stärker versuchte ich zu kontern, bis zu dem Moment, an dem ich nicht aufpasste, nicht genug konterte. Elmo reagierte kurz und trocken und wir schwammen im Wasser, das überraschend warm war.

So ging die Zeit ins Land und ich spielte weiterhin intensiv mit Ufern und Inseln, mäanderte durch mein üppiges Bett und herrschte über meine Welt. Doch dann begannen eines Tages die Menschen, Kanäle zu graben. Es waren kleine, unscheinbare Gräben und ich fragte mich, was dies sollte. Doch dann durchbrachen sie die trennenden Dämme und ließen mein Wasser durch diese schmalen Kanäle strömen. Im ersten Moment sah das Ganze für mich aus wie ein neues Spiel und ich tobte durch diese Kanäle hindurch, die durch meine Wassermassen schnell verbreitert und vertieft wurden. Erst spät, viel zu spät wurde mir klar, dass ich mir mein eigenes Grab geschaufelt hatte. Man hatte mich in einem kanalisierten Bett gefangen, dass keine andere Möglichkeit für mich bot, als schnell hindurch zu strömen. Immer mehr dieser Kanäle wurden gegraben, immer besser wurden die Ufer befestigt und alsbald war mein Bett nahezu eine gerade Linie. Rechts und links verlandeten meine alten Mäander, wie abgeschnittene Extremitäten lagen sie in den Auwäldern. Nur noch selten sollte ich sie mit meinem Hochwasser mit frischem Wasser versorgen. In der Zwischenzeit dümpelten die Altrheinarme vor sich hin, brackig und still.

Am letzten Tag vor unserer Abreise war das Wetter einigermaßen stabil und wir machten Elmo klar für die Erkundung des Illinger Altrheins. Vom Bootshaus aus paddelten wir den Goldkanal nach Nordwesten, in Richtung Rheinmündung. Nach etwa anderthalb Kilometern kam auf der rechten Seite eine ausgewiesene Umtragestelle. Wir trugen Elmo über eine kurze Landbrücke und setzten ihn auf der anderen Seite wieder in einen Baggersee ein. Durch Kiesabbau waren Goldkanal und der angrenzende Baggersee stark vergrößert worden und hatten die Natürlichkeit eines Altrheinarmes weitestgehend verloren.

Der Baggersee war nur knapp 500 m breit und bald waren wir auf der anderen Seite angekommen. Dort tat sich ein kleiner Kanal auf, der Beginn des Illinger Altrheins. Schlagartig änderte sich die Landschaft. Wo eben noch die Spuren des Menschen und der industriellen Nutzung im Vordergrund standen, zeigte sich jetzt die Natur als Herr des Geschehens. Das Wasser war erst flach, viele kleine Fische umschwärmten uns.

Wir paddelten in den Altarm hinein und blickten staunend auf urige Uferbepflanzungen, umgestürzte Bäume und dichtes Gestrüpp. Stille umgab uns und wir paddelten so leise wie möglich, wollten wir doch niemanden in diesem Paradies aufschrecken.

Der Seitenarm endete nach etwa 300 Metern im Hauptarm. Eine Insel lag vor uns, die wir langsam umrundeten, während Tine ausgiebig fotografierte. Der Weg nach Südosten war aus Naturschutzgründen gesperrt und so drehten wir den Bug nach Nordwesten. Langsam, fast zärtlich paddelten wir weiter. Die Ufer waren mit hohen Bäumen gesäumt, von denen der eine oder andere abgebrochen oder umgestürzt war.

Während das nordöstliche Ufer teilweise durch den Deich gebildet wurde und von Menschen frequentiert wird, ist das südwestliche Ufer Naturschutzgebiet.

An diesem Ufer konzentrierten sich auch die Wasservögel. Wenn wir etwas näherkamen, flogen sie schnell auf, viel früher, als wir das z.B. von der Oker kennen. Diese Vögel waren kaum an Menschen gewöhnt. Und wenn ein Reiher aufflog, flogen mit ihm gleich fünf weitere Reiher und drei Störche auf. Vögel, die wir nur selten und wenn, dann solitär sehen, gab es hier im Dutzend billiger. Enten, Schwäne und Kormorane schwammen in großen Gruppen auf dem ruhigen Wasser.

Langsam kamen wir voran und gönnten uns eine kurze Pause auf dem Steg des Kanu-Clubs Au am Rhein. Das kleine Bootshaus liegt sehr idyllisch in den Rheinauen. Nach kurzer Stärkung paddelten wir das letzte Stück bis zur Mündung des Illinger Altrheins in den Rhein. Ein Abstecher kurz vor der Mündung in einen äußerst reizvollen Seitenarm brachen wir wegen der starken Strömung bei flachem Wasser ab. Die Mündung des Illinger Altrheins wird im Süden vom Kohlkopf mit dem Auer Köpfle an seiner Nordspitze und dem Fahrkopf im Norden gebildet. Am gegenüberliegenden Ufer des Rheins liegt Port du Rhin und damit Frankreich.

Der Rhein mit seiner Strömung und den langen Bunen in den Innenkurven sowie dem intensiven Schiffsverkehr flößte uns Respekt ein. Wir verspürten keinen Drang, ihn zu befahren und kehrten um.

Auf dem Rückweg genossen wir abermals die Stille und die natürliche Vielfalt des Altrheinarmes. Auch wenn wir den gleichen Weg zurück paddelten, so boten sich doch ganz neue Einblicke und Perspektiven. Wieder wurden viele Fotos gemacht und Stück für Stück tasteten wir uns voran. Traurig verließen wir dann letztendlich den Altrheinarm und überquerten den Baggersee, um das letzte Stück bei leichtem Gegenwind über den Goldkanal zurück zu paddeln. Noch in den 1930iger Jahren versuchte man hier, Gold zu fördern. Aufgrund der geringen Ergiebigkeit wurde seitdem nur Kies abgebaut.

Bald erreichten wir den Illinger Paddelclub und diese schöne und eindrucksvolle Tour hatte ein Ende. Wir waren froh, dass wir sie noch angegangen waren und das Wetter war an diesem Tag unser Freund geblieben. Wir beendeten diesen Ausflug an den Altrhein mit dem Wissen, dass es noch viele weitere Altrheinarme gibt, die auf eine Entdeckung warten.

©Ralf Richter 2017

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